NUTZEN UND ERGEBNISSE
Trotz vager Vorkenntnisse, dass etwa Idiome literarischer, biblischer oder antiker Herkunft eher in einer Reihe von Sprachen anzutreffen sind, war es letztlich vollkommen unvorhersagbar, welche Idiome den Status der weiten Verbreitung aufweisen und welche nicht. Keine der vielen Arbeiten zu Idiomen verschiedener Einzelsprachen noch der ebenso zahlreichen kontrastiven Studien zu zwei oder mehr Sprachen war in der Lage, jene Idiome zu benennen, die Entsprechungen in vielen Sprachen Europas haben, also den Kernbereich der gemeinsamen europäischen Phraseologie bilden.

Statt zufällige „Gemeinsamkeiten“ oder „Unterschiede“ von Idiomen einiger Sprachen zu beobachten, sollte die Phraseologieforschung diese Phänomene anhand möglichst vieler Sprachen untersuchen. Vor allem ist die Phraseologie – aufgrund ihrer Verbundenheit mit Kultur – eine sprachliche Ebene, die sich in einem gesamteuropäischen Kontext besser untersuchen und verstehen lässt. Durch den eurolinguistischen Forschungsansatz des WI-Projekts, der Europa als Ganzes ins Blickfeld rückt, können einige Fragen zur sprachlichen Situation Europas und zur Verbreitung von Idiomen exakter beantwortet werden, als dies zuvor der Fall war. So können die bisher unscharfen Vorstellungen von den Ursachen der weiten Verbreitung von Idiomen (seien es die genetische Zugehörigkeit der Sprachen, der zunehmende Einfluss des Englischen auf andere Sprachen oder das „gemeinsame Kulturerbe Europas“) sowie theoretische Fragen präzisiert werden. Siehe Beispiele und Karten.

Ein Inventar der weit verbreiteten Idiome in Form eines Nachschlagewerks mit Karten ist ein Forschungsdesiderat. Ein solches Inventar, ein Lexicon of Common Figurative Units, möchte Informationen über einige Einzelsprachen hinaus zur Verfügung stellen; es lässt sich für weiterführende Forschungen nutzen, nicht zuletzt für Arbeiten zur Phraseologie außereuropäischer Sprachen. Mehr als jeder kontrastive Ansatz mit einer zufällig ausgewählten europäischen Sprache als Vergleichsbasis könnte das Inventar der WIs für neu zur Phraseologieforschung hinzukommende Sprachen hilfreich sein. Ergebnisse dieses Projekts sind über die Phraseologieforschung hinaus von Interesse.

Ergebnisse:
  1. Aus den empirischen Untersuchungen (s. Vorgehensweise) sind über 500 Idiome hervorgegangen, die die Kriterien der weit verbreiteten Idiome erfüllen. Die Frage, welchen kulturellen Domänen diese Idiome angehören, kann nun beantwortet werden. Idiome, die tatsächlich in vielen Sprachen Europas und darüber hinaus verbreitet sind, wurden nach ihrer Kulturgebundenheit kategorisiert. Für die meisten Idiome konnte die Frage nach ihrer etymologischen Herkunft geklärt werden. Bei der Anordnung der WIs nach den zugrunde liegenden kulturellen Wissensstrukturen traten auch quantitative Aspekte zutage.

  2. Das WI-Projekt ist zu einem Teil in der Areallinguistik angesiedelt, deren Ziel es ist, räumlich differenzierbare sprachliche Phänomene mit Hilfe kartographischer Darstellungen zu interpretieren. Entsprechend wurden die Daten der WI-Umfragen auf die Karte Europas projiziert. Angesichts mehrerer sich räumlich überlappender Sprachen werden keine Verbreitungs- sondern Vorkommenskarten erstellt. Die Projektion der WI-Daten auf die Karte zeigt oft ein klares Bild und ermöglicht es, einzelne Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Karten lassen erkennen, dass sich die Sprachen Osteuropas hinsichtlich der WIs in keiner Weise von jenen Mittel- und Westeuropas unterscheiden; die „slawisch-orthodoxe Welt“ zeigt keinerlei Differenzen. In keinem einzigen Fall wirkt sich die Verwendung des lateinischen bzw. kyrillischen Alphabets als etwas Trennendes aus. Siehe Beispiele und Karten.

  3. Wenn auch die Verbreitungswege der Idiome in viele Sprachen aufgrund der synchronischen Materialerhebung nicht erforscht werden können (hierfür wären umfangreiche sprachgeschichtliche Untersuchungen erforderlich), sind einige Ergebnisse festzuhalten: Einzelne Versuche, die interlingualen Gemeinsamkeiten von Idiomen zu erklären, können aufgrund der WI-Daten widerlegt werden. Hierzu gehört die Annahme, die genetische Verwandtschaft der Sprachen könne eine Rolle spielen: Zwischen der Zugehörigkeit eines Idioms zu seiner Sprachfamilie und dem Vorkommen von Entsprechungen in anderen Sprachen ist kein Zusammenhang zu erkennen.

  4. Auch die Annahme, die Verbreitung von Idiomen in vielen Sprachen sei auf den zunehmenden Einfluss des Englischen zurückzuführen, kann durch die WI-Ergebnisse zum Teil widerlegt werden. Obwohl Anglizismen (lexikalischer oder syntaktischer Art) in verschiedenen Sprachen untersucht wurden, finden sich kaum Arbeiten zum Einfluss der englischen Phraseologie auf andere Sprachen. Dennoch ist in phraseologischen Arbeiten mehrfach von einer Annäherung der phraseologischen Systeme gegenwärtiger europäischer Sprachen aufgrund von Übernahmen aus dem Englischen die Rede. Die meisten weit verbreiteten Idiome führen jedoch auf weit ältere Schichten sprachlicher und kultureller Kontakte in Europa zurück.

  5. Idiome, die auf Intertextualität zurückführen (auf eine identifizierbare Textquelle, seien es ursprünglich direkte Zitate oder Referenzen auf einen gesamten Text), machen den größten Teil der WIs aus. Sie werden in Band I behandelt, siehe Inhaltsverzeichnis von Teil I. Größere Gruppen bilden Idiome, die auf antike Autoren, auf die Bibel oder Erzähltraditionen zurückgehen. Dichtungen der Weltliteratur sind dagegen nur selten als Quellen weit verbreiteter Idiome anzutreffen. Dies ging bereits aus den Vortests hervor, die zahlreiche Idiome klassisch-literarischer Provenienz auf eine weite Verbreitung hin überprüft hatten. Idiome, die auf Werke bekannter Dichter zurückführen, haben zwar in mehrere einzelne Sprachen Eingang gefunden, die meisten von ihnen erfüllen jedoch nicht die WI-Kriterien (vgl. Ziel des Projekts). Neu ist dagegen die Erkenntnis, dass neben den Textquellen des „europäischen Kulturerbes antiker und christlicher Prägung“ ganz andere Domänen als Ursprung weit verbreiteter Idiome hervortreten, darunter WIs fremdkultureller Herkunft, die zum Teil durch Filmproduktionen der jüngeren Zeit Verbreitung fanden.

  6. Für die Verbreitung von Idiomen biblischer Herkunft steht es außer Zweifel, dass es sich hier weniger um Entlehnungsprozesse von einer Sprache in die andere als jeweils um einen direkten Rückgriff auf die betreffenden Texte der Bibel selbst handelt. Vergleichbares könnte auch auf WIs zutreffen, die auf andere Untergruppen der Intertextualität zurückführen. Diese Traditionsstränge sind jedoch weit weniger erforscht als jene der biblischen Idiome. So waren im Bereich der Erzähltraditionen (Fabeln, Schwänke, Märchen usw.) die Erzählungen selbst bereits weit verbreitet, aus denen die Einzelsprachen unabhängig von einander schöpfen konnten. Vorstufen vieler gegenwärtiger WIs waren schon bei antiken Autoren sehr beliebt (darunter sind mehrere unauffällige Idiome, bei denen nichts auf ihre klassische Herkunft schließen lässt). Allein die Werke des Erasmus von Rotterdam umfassen 50 Sprichwörter und Redensarten, die in die sich entwickelnden europäischen Volkssprachen übernommen wurden und als WIs bis heute in vielen Sprachen weiterleben.

  7. Die im Projekt vertretenen europäischen Sprachen verteilen sich auf 38 Standardsprachen und 36 Varietäten, die unter dem Terminus weniger gebrauchte Sprachen zusammengefasst werden können, da sie entweder auf ein kleines Areal mit wenigen Sprechern beschränkt oder weniger vital oder prestigeträchtig sind, oder weil sie von einer größeren Sprache überdacht werden oder einen geringeren Grad an Standardisierung und Schreibtraditionen aufweisen. Einige Divergenzen zwischen dem Vorkommen von WIs in Standardsprachen und weniger gebrauchten Varietäten werden sichtbar. Deutliche Unterschiede zeigen sich in den Herkunftsbereichen der antiken, literarischen oder narrativen Texte sowie bei der Domäne „Geschichte“. Aus soziolinguistischer Sicht gehören die meisten WIs dieser Gruppen einem hohen Register an. Daher haben sie keinen Platz in den weniger offiziellen, vorwiegend mündlich gebrauchten Sprachvarietäten. Andere WIs kommen aufgrund spezieller Ausgangskonzepte wie ‘Sport’ und ‘moderne Technik’ in den weniger gebrauchten Sprachen selten vor. WIs der übrigen kulturellen Wissensdomänen erstrecken sich oft sowohl auf Standard- als auch auf Klein- und Minderheitensprachen. Die meisten Gemeinsamkeiten finden sich in den Domänen, des Volksglaubens, der Naturbeobachtungen und somatischen Konzepte.

    Der zweite Band des "Lexicon of Common Figurative Units" soll 2015 erscheinen. Selbstverständlich werden alle Mitarbeiter/innen in dem Buch dankend erwähnt.

    Siehe Inhaltsverzeichnis von Teil I und Inhaltsverzeichnis von Teil II